Massenbilanzierung nach ISCC Plus schafft den Rahmen
Industrielle Kennzeichnung im Schaltschrank mit massenbilanzierten Kunststoffen
Donnerstag, 20. August 2026
| Redaktion
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Industrielle Kennzeichnung: Dr. Michael Peter und Manuela Paus arbeiten bei Phoenix Contact an nachhaltigen Markierungslösungen.
Dr. Michael Peter und Manuela Paus arbeiten bei Phoenix Contact an nachhaltigen Markierungslösungen, die sämtliche Komponenten eines Schaltschranks kennzeichnen (oben re.), Bild: Phoenix Contact

Gleiche Farbe, gleiche Form, gleiche Eigenschaften: Beim CO2-Fußabdruck ist der Unterschied dafür umso größer. Phoenix Contact setzt bei seinen Markierungslösungen auf nachhaltige Kunststoffe und nutzt dafür den Ansatz der Massenbilanzierung. Ohne Kennzeichnung wären moderne Industrieanlagen kaum beherrschbar. Erst die eindeutige Identifikation von Komponenten, Leitern und Geräten schafft die notwendige Orientierung. So lassen sich komplexe Systeme sicher betreiben, effizient warten und Störungen schnell beheben. Industrielle Kennzeichnung ist damit weit mehr als ein Pflichtbestandteil der Dokumentation. Sie ist ein entscheidender Faktor für Anlagenverfügbarkeit und Betriebssicherheit. Wie wichtig Kennzeichnung in der Praxis ist, zeigt auch die aktuelle Phoenix-Contact-Schaltschrankbaustudie. Demnach entfallen im Durchschnitt rund 13 Prozent der Produktionszeit eines Schaltschranks auf Kennzeichnungsaufgaben. Damit zählt die Kennzeichnung zu den festen und relevanten Prozessschritten in der Schaltschrankfertigung.

Gebrauchtes Frittierfett statt Erdöl. Für Dr. Michael Peter sind biologisch-nachwachsende Rohstoffe, die bereits ihre ursprüngliche Aufgabe erfüllt haben, die Königsdisziplin des Recyclings. „Wir sprechen hier von biologisch-zirkulären Werkstoffen“, erklärt der promovierte Chemiker aus der Technologieentwicklung von Markierungslösungen bei Phoenix Contact. Frittierfett sei in diesem Zusammenhang ein treffendes Beispiel für „Bio-Circular“. Statt wertvolle landwirtschaftliche Flächen für den Anbau von Pflanzen zu nutzen, die ihren Weg direkt in die Chemie oder Biogasanlage gehen, kommen nur Grundstoffe zum Einsatz, die ihr erstes technisches Leben bereits hinter sich haben, also z. B. Frittierfett aus der Lebensmittelindustrie. 

Zirkuläre Rohstoffe für die industrielle Kennzeichnung

Statt in die Entsorgung, geht dieser hochwertige Abfall in die Steam Cracker der Prozessindustrie. Dort ersetzt dieser als nachwachsender Rohstoff das Erdöl. Die dabei entstehenden Vorprodukte sind in ihrer Molekularstruktur identisch mit den Stoffen, die üblicherweise aus Erdöl gewonnen werden. Die bei der chemischen Stoffumwandlung von altem Frittierfett gewonnenen Produkte kommen z. B. für die Herstellung von Polycarbonat zum Einsatz. Beim in der Elektronikbranche weit verbreiteten Polyamid 66 werden vergleichbare Verfahren und Recyclingkreisläufe herangezogen. Die beiden wesentlichen Grundstoffe heißen Adipinsäure und Hexamethylendiamin. Sie reagieren in einer so genannten Polykondensation zum bekannten Nylon beziehungsweise Polyamid. „Bei dieser Synthese ist es dem Kunststoff egal, aus welchen Quellen die Edukte stammen“, erläutert Michael Peter. „Kohlenstoff in einer Polymerkette bleibt eben Kohlenstoff.“

Industrielle Kennzeichnung mit identischen Materialeigenschaften

Dieses Verfahren führt dazu, dass die aus Polycarbonat hergestellten Markierungsmaterialien auf der stofflichen Ebene identisch sind mit Produkten aus Erdöl. Diese Tatsache macht es sehr einfach, nachhaltige Produkte zu bestellen und einzusetzen. Denn sie weisen die gleichen Qualitätsmerkmale wie herkömmliche Materialien auf. Mit identischen technischen und optischen Eigenschaften, Druckqualität und Haltbarkeit können sich Kunden von Phoenix Contact für nachhaltige Alternativen entscheiden, ohne auf bewährte Qualität zu verzichten oder das Risiko einzugehen, Zertifizierungen oder Approbationen zu verlieren. Ebenfalls bleibt aufgrund der Massenbilanzierung die komplette technische Dokumentation unberührt. „Eigentlich müssten die Einkäufer unserer Kunden nur die Artikelnummer in ihrer Bestellung ändern. Sie sind im Grunde genommen nur einen Klick davon entfernt. Technisch ändert sich für sie sonst nichts.“, sagt Michael Peter. Um das Auswählen nachhaltiger Markierungsmaterialien zu erleichtern, hat Phoenix Contact die Artikelbezeichnungen um die Endung GP (Abkürzung für Green Product) ergänzt.

Und warum überhaupt Varianz in der Produktbezeichnung, wenn sich die Markierungsmaterialien funktional nicht unterscheiden? „Wir müssen als Hersteller belegen, dass zum Beispiel unsere grünen Beschriftungsmatten, auch wenn sie real weiß sind, wirklich grün, also klimaschonender, sind. Wir machen also den Unterschied zu konventionellen Produkten und zeigen das anhand der Produktbezeichnung.“ Michael Peter weist zudem darauf hin, dass Phoenix Contact sein Engagement in puncto nachhaltige Kennzeichnung nach ISCC Plus zertifiziert hat. „Das Verfahren ist u. a. für Kunststoffe konzipiert und hat die Aufgabe, die gesamte Wertschöpfungskette von der Rohstoffquelle bis zum Endprodukt zu zertifizieren.“

Massenbilanzierung erleichtert die Materialumstellung

Eine Förderung klimaschonender Granulate über Massenbilanzierung habe für ihn den Vorteil, dass Hersteller wie Phoenix Contact nachhaltiger produzieren können. Dabei riskieren sie  keine kostspieligen Eingriffe in Fertigungsverfahren. In der Spritzgussfertigung können zum Beispiel neue Werkzeuge sowie aufwändige Unterweisungen und Schulungen des Personals an den Maschinen die Folge sein.

Aufgrund der geschilderten Vorteile der Massenbilanzierung ist Phoenix Contact heute in der Lage, komplette Schaltschränke durchgängig nachhaltig zu kennzeichnen, und das ohne irgendwelche Auswirkungen oder gar Einbußen bei der Qualität. Die industrielle Kennzeichnung mit einer zum Teil mehr als 80 Prozent reduzierten CO2-Bilanz umfasst, u. a. die Kennzeichnung von Klemmen, unterschiedliche Lösungen für das Beschriften von Leitern oder Kabeln, die Etikettierung von Tastern und Schaltern sowie Typenschilder für verschiedene Anforderungsbereiche. „Wir können also nicht nur Teile eines Schaltschranks nachhaltiger kennzeichnen, wir können es komplett“, freut sich Michael Peter.

Rückverfolgbarkeit von Rohstoffen und Verfahren

Damit haben es Anwender in der Hand, in welchem Rahmen sie ihre Schaltschrankmarkierung nachhaltiger gestalten wollen. „Wenn wir diesen Weg konsequent ausrollen für alles, was im Schaltschrank relevant ist, können die CO2-Emissionen beim Kunststoff wirksam gesenkt werden.“ Die Besonderheit des ISCC Plus Verfahrens sei dabei, dass am Ende des Tages nicht die einzelnen Produkte zertifiziert sind, sondern die eingesetzten Rohstoffe inklusive der Produktionskette. „Dafür brauchen wir Traceability, also die lückenlose Rückverfolgbarkeit, um Greenwashing verlässlich auszuschließen.“ Wie groß der CO2-Fußabdruck bei einem Produkt ausfällt, gibt Phoenix Contact mit dem Product Environmental Footprint an, kurz PEF. Die Berechnung des PEF können sich Anwender einfach im Online-Shop von Phoenix Contact herunterladen. 

Bezogen auf die Markierungsmaterialien bedeutet die Rückverfolgbarkeit, dass CO2-reduzierte Produkte eindeutig gekennzeichnet sein müssen, damit es keine Unschärfen in der Bilanzierung gibt. „Wir dokumentieren über die gesamte Wertschöpfungskette von der Anlieferung des Granulats bis hin zur Auslieferung der nachhaltigen Markierungsprodukte jeden Verbrauch des Materials. Dazu zählen also jede einzelne Markierungsmatte und ebenfalls Anfahrverlust oder auch Ausschuss. So stellen wir über die Bilanzierung sicher, dass wir genauso viel Material verkauft haben, wie wir auch eingekauft haben, und kein Gramm mehr. Wir weisen schließlich CO2-Equivalente in unseren PEF aus und müssen gerade gegenüber unseren Kunden belegen, dass die auch stimmen.” In Summe bewertet Michael Peter die ISCC Plus Zertifizierung als neue Möglichkeit, CO2-Emissionen berechenbar und vor allem wirksam zu reduzieren. „Es war noch nie so einfach, Schaltschränke grüner zu markieren.“

ISCC Plus als Basis für die industrielle Kennzeichnung

Exakt die gleichen technischen Eigenschaften, daher keine negativen Effekte auf Approbationen: Die ISCC Plus Zertifikate bieten auf Grundlage der Massenbilanzierung sehr gute Möglichkeiten, gerade die Herstellung von Spritzgussteilen nachhaltiger zu gestalten. Der Aufschluss zirkulärer biobasierter Rohstoffe in ihre chemischen Grundbausteine schafft die Basis, daraus Kunststoffgranulate herzustellen, die sich nicht von denen aus Erdöl unterscheiden. Für die Aufarbeitung in Steam Crackern macht es keinen Unterschied, ob Rohölderivate oder bereits genutzte Frittierfette in den Reaktor kommen. Michael Peter sieht daher sehr gute Chancen, ISCC Plus nicht nur für Markierungsmaterialien anzuwenden, sondern auch bei anderen Spritzgussteilen, die Phoenix Contact für seine umfangreiche Produktrange benötigt.

Autor
Thorsten Sienk
Technical Journalist, Phoenix Contact

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