Nutzung von Preisschwankungen an Spotmärkten oder Bereitstellung von Systemdienstleistungen
EM-Power Europe: Start-ups stellen intelligente Lösungen für smarte Netze vor
Donnerstag, 24. April 2025
| Redaktion
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Start-ups präsentieren auch in diesem Jahr wieder Innovationen und Ideen auf EM-Power Europe
Start-ups präsentieren auch in diesem Jahr wieder Innovationen und Ideen auf EM-Power Europe, Bild: Solar Promotion

Der Markt für Flexibilitäten gewinnt in der Stromwirtschaft zunehmend an Bedeutung. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen steht immer mehr Strom aus volatilen erneuerbaren Energien zur Verfügung, der ins Netz integriert werden muss, zum anderen führt die zunehmende Digitalisierung der Stromnetze dazu, dass auch dezentrale Marktteilnehmer mit Flexibilität Erlöse erzielen können. Im Spektrum der Start-ups auf der EM-Power Europe in Halle C5 spiegelt sich diese Entwicklung deutlich wider. Die Fachmesse für Energiemanagement und vernetzte Energielösungen bringt vom 07. bis 09. Mai 2025 Macher, Denker und Entscheider, Global Player und junge Unternehmen in München zusammen.

Start-ups bieten ihren Kunden die Möglichkeit, Stromerzeugung, Speicherung und Verbrauch durch intelligente Steuerung von Anlagenportfolios ertragsmaximierend zu gestalten. Dies geschieht durch die Nutzung von Preisschwankungen an den Spotmärkten oder durch die Bereitstellung von Systemdienstleistungen, die von den Netzbetreibern vergütet werden. Häufig besteht das Geschäftsmodell der Start-ups darin, ihren Kunden über intelligente Softwareplattformen einen niedrigschwelligen Zugang zu den Flexibilitätsmärkten zu ermöglichen, etwa durch neuartige Software, die auf bereits vorhandener Hardware läuft.

Vorbild Smartphone: Steuerung aller Verbräuche mit einem Gerät

Die intelligente Steuerung von dezentraler Erzeugung und Verbrauch ist das Ziel von Spine. Das Unternehmen wurde im Februar 2024 in München von drei Partnern gegründet, die zuvor in leitenden Positionen in Solarunternehmen tätig waren. Sie bezeichnen sich selbst als „Erneuerbare-Energien-Enthusiasten“. Im Fokus steht eine Softwareplattform für Energieanwendungen, die lokal im Zählerschrank auf einer Steuerbox läuft. Auf dieser können sowohl Anwendungen zur netzdienlichen Steuerung als auch zur marktorientierten Steuerung, beispielsweise in Kombination mit dynamischen Stromtarifen, installiert werden. Das Besondere ist die neu geschaffene Möglichkeit, alle Anwendungen über ein einziges Gerät zu steuern: „Man muss sich das vorstellen wie bei einem Smartphone, wo auch die unterschiedlichsten Anwendungen auf einer Hardware laufen“, erklärt Co-Founder und Geschäftsführer Martin Stötzel. Es sei schließlich nicht sinnvoll, in jeden Zählerschrank für jede Anwendung eine separate Box zu verbauen, die jeweils nur bestimmte Funktionen erfüllt. Das kostet Zeit, Geld und außerdem Platz im Zählerschrank. Zielgruppe von Spine sind Energieversorger sowie Elektroinstallateure, die ihren Kunden eine intelligente Steuerung von Wärmepumpen, Wallboxen und Speichern ermöglichen möchten. Deren Zielgruppen wiederum sind das Gewerbe und die Wohnungswirtschaft mit größeren Objekten.

Marktbasierte Anpassung auch für kleine Erzeuger

Auch für Stromerzeuger kann die marktbasierte Steuerung zusätzliche Erlöse bringen. In diesem Segment ist Bohr Energie aus dem französischen Puygouzon aktiv. Das Unternehmen managt für Betreiber von Photovoltaik-, Wasser- und Windkraftanlagen sowie Batteriespeichern die Optimierung der Erzeugung auf Basis von Marktsignalen. Vier Gesellschafter haben das Start-up im Jahr 2020 gegründet, davon kommen zwei aus dem Energiegroßhandel und zwei aus dem Bereich der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Bislang war das Unternehmen nur in Frankreich aktiv, strebt nun aber den Eintritt in weitere europäische Märkte an. Dabei tritt Bohr Energie als Aggregator auf, bündelt also auch kleine Leistungen, um am Markt agieren zu können. Davon könnten auch kleine Stromerzeuger profitieren, betont das Unternehmen: „Unser Angebot richtet sich an alle Erzeuger bereits ab 500 Kilowatt“, sagt Julien Haure, Präsident des Unternehmens. Durch das Fernmanagement der Anlagen vermeide man zum Beispiel Verluste im Zusammenhang mit negativen Preisen und maximiere den Wert der Stromproduktion. Mit einer App kann der Anlagenbetreiber jederzeit auf die Daten zugreifen. Vor allem die geringe Einstiegsleistung hebt Haure als Besonderheit von Bohr Energie im Vergleich zu Mitbewerbern hervor.

Erlöse aus der Vermarktung von Blindleistung

Einen noch jungen Markt bedient Blindleister aus Berlin. Das im Jahr 2025 gegründete Start-up will es Betreibern von Photovoltaik- und Windkraftanlagen sowie von Batteriespeichern ermöglichen, durch den Verkauf von Blindleistung zusätzliche Einnahmen zu generieren. Möglich wurde das Geschäftsmodell, weil die Bereitstellung von Blindleistung inzwischen von den Übertragungsnetzbetreibern und großen Verteilnetzbetreibern ausgeschrieben wird, also nicht mehr standardmäßig von den Kraftwerken der etablierten Stromwirtschaft erbracht wird. Teilnehmen können alle Stromerzeuger oder Speicher, die in das 110-Kilovolt-Netz und höher einspeisen. Die Erzeugung von Blindleistung ist durch den Zugriff auf die Steuerung des Frequenzumrichters der Erzeugungsanlage möglich. Blindleister hat eine cloudbasierte Software entwickelt, die es den Anlagen ermöglicht, ihr Potenzial für Netzdienstleistungen zu nutzen und zu maximieren. Das Unternehmen vernetzt die dezentralen Anlagen zu einem virtuellen Blindleistungskraftwerk. Mitgründer und Geschäftsführer Niklas Reinhardt erklärt: „Im Normalfall muss man an der Anlage hardwaremäßig gar nichts nachrüsten.“

Netzwerksicherheit auf Mikro- und Makroebene

Zunehmende Digitalisierung in der Stromwirtschaft erfordert immer ausgefeiltere IT-Sicherheitslösungen. Das 2020 gegründete Unternehmen Narrowin aus Liestal in der Schweiz ist ein Anbieter von Sicherheits- und Netzwerktechnik für Unternehmen und Institutionen, die als kritische Infrastruktur besonderen Schutz für ihre IT- und OT-Netzwerke benötigen. OT steht dabei für Operational Technology, also Netzwerke von Sensoren und Aktoren, die Anlagen und Prozesse überwachen und steuern. Neben Energieversorgern werden auch systemrelevante Einrichtungen wie Krankenhäuser adressiert. Ein Produkt von Narrowin für den Schutz auf der Mikroebene ist eine Netzdiode, eine Mini-Firewall, die als Plug&Play-Gerät zwischen Endgerät und Netz geschaltet werden kann. Sie kann beispielsweise eine Trafostation im Stromnetz bidirektional absichern. Damit kann sowohl verhindert werden, dass Schadsoftware aus dem Netz auf verwundbare Systeme in der Trafostation gelangt, als auch, dass Angriffe über die Trafostation, z.B. vom Laptop eines Monteurs, ins Netz gelangen. Ein Produkt auf der Makroebene ist der Netzwerk Explorer, eine Software, die einen schnellen und tiefen Einblick in das vorhandene Netzwerk ermöglicht. Sie visualisiert und charakterisiert die Topologie eines Netzwerks, sammelt Informationen über Netzwerkgeräte und Hosts und hilft, Massnahmen zur Verbesserung der Sicherheit und Stabilität des Netzwerks zu identifizieren. Tim Senn, Mitgründer von Narrowin erläutert: „Die Software hilft, das Netzwerk mit seinen Sensoren und Aktoren zu verstehen, zu segmentieren und Ursachen von Störungen schneller zu finden und zu beheben.“

Start-ups auf der EM-Power live in Halle C5 erleben 

Alle vorgestellten Unternehmen sind Teil der Start-up Area in Halle C5, dem Treffpunkt für junge Unternehmen mit Lösungen für die Energiezukunft. Besucher haben hier die Möglichkeit, mit den Teams von Spine, Bohr Energie, Blindleister und Narrowin persönlich ins Gespräch zu kommen, Technologien kennenzulernen und neue Impulse für eigene Projekte zu erhalten. Auf 4.000 Quadratmetern präsentieren rund 150 Start-ups ihre frischen Ideen für Smart Grids und Energiemanagement. Die EM-Power Europe sowie die Parallelveranstaltungen Intersolar Europe, „ees Europe“ und „Power2Drive Europe“ finden im Rahmen von „The smarter E Europe“, Europas größtem Messeverbund für die Energiewirtschaft, auf der Messe München statt. Zu den vier Fachmessen erwarten die Veranstalter rund 3.000 Aussteller und mehr als 110.000 Besucher.

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