Mit modularen und skalierbaren Konzepten modernisiert SEW-Eurodrive bestehende Förderanlagen, um Stillstandszeiten zu reduzieren und die Anlagenverfügbarkeit zu erhöhen. Ein Retrofitprojekt bei Kögel Trailer zeigt, wie sich eine Elektrohängebahn unter engen Zeitvorgaben modernisieren lässt. Am Standort Burtenbach setzt das Unternehmen eine Elektrohängebahn als zentrales Transportsystem in der Decklackanlage ein. Auf einer mehr als 600 Meter langen Förderstrecke transportieren 18 Fahrzeuge Trailer-Bauteile durch Lackierung, Trocknung und Abkühlung bis zur Endmontage.
Elektrohängebahn statt Neubau modernisiert
Die Förderanlage aus dem Jahr 2000 arbeitete mit einer inzwischen abgekündigten Steuerung, deren Ersatzteilversorgung und Support zunehmend schwieriger wurden. Gleichzeitig stieg die Störanfälligkeit. Da die mechanische Grundstruktur der Anlage weiterhin in gutem Zustand war, entschied sich Kögel gemeinsam mit SEW-Eurodrive für ein gezieltes Retrofit anstelle eines Neubaus.
Modernisierung der Elektrohängebahn unter engen Zeitvorgaben
Für die Umsetzung standen lediglich zwei geplante Produktionsstillstände von jeweils zwei Wochen zur Verfügung. Deshalb analysierten Kögel und SEW-Eurodrive bereits in einer gemeinsamen Engineering-Phase die bestehende Anlage, ihre Schnittstellen und die mechanische Integration. Die neue Kommunikationsstruktur wurde zunächst parallel zum Bestand aufgebaut. Erst im zweiten Schritt erfolgte der Umbau der 18 Fahrzeuge.
Musterfahrzeug minimiert Risiken beim Umbau der Elektrohängebahn
Zur Absicherung des Projekts wurde im ersten Schritt ein Musterfahrzeug vollständig modernisiert und unter realen Produktionsbedingungen getestet. Dabei prüften die Projektpartner zum einen die Integration der neuen Komponenten wie Schaltschrank, Umrichter, Motor. Zudem wurden untersucht, ob auch Maschinenparameter und Bewegungsabläufe unter realen Bedingungen erfasst werden können. Das vorhandene Barcode-Positioniersystem konnte unverändert weiter genutzt werden.
Modulares Automatisierungskonzept vereinfacht das Retrofit
Die modernisierten Fahrzeuge basieren auf einer modularen Automatisierungsarchitektur mit Antrieb, dezentralem Frequenzumrichter, EHB-Controller und ASi-5-Railbus-Client. Die Kommunikation erfolgt weiterhin über die vorhandene Stromschiene. Dadurch konnte die bestehende Infrastruktur nahezu vollständig erhalten bleiben und der Umbau ohne zusätzliche Verkabelung umgesetzt werden.
Grundlage bildet der Automatisierungsbaukasten „Movi-C“, der Antriebstechnik, Steuerung, Kommunikation und Software in einer gemeinsamen Plattform zusammenführt. Die standardisierte Architektur erleichtert nicht nur die Integration in bestehende Anlagen, sondern schafft zugleich die Voraussetzung für spätere Erweiterungen und einen wartungsfreundlichen Betrieb. Die Steuerungsfunktionen übernehmen EHB-Controller des Typs „UHX25A“. Darauf läuft das Softwaremodul „Movikit-RGS“, das typische Bewegungsfunktionen wie Positionierung oder Fahrprofile bereits als Standardbausteine bereitstellt. Dadurch verkürzen sich sowohl Engineering als auch Inbetriebnahme.
Neue Antriebstechnik verbessert Effizienz und funktionale Sicherheit
Im Rahmen des Retrofits ersetzte SEW-Eurodrive die komplette Antriebstechnik. Zum Einsatz kommen nun EHB-Antriebe des Typs „HK60“ mit synchronen Servomotoren „CM3C71S“, die über dezentrale Frequenzumrichter „Movimot“ geregelt werden. Der höhere Wirkungsgrad der neuen Antriebstechnik trägt dazu bei, den Energiebedarf der Förderanlage zu reduzieren. Für die funktionale Sicherheit sorgt ein integrierter Motorencoder „EK0Z“. Damit lässt sich unter anderem die Sicherheitsfunktion „Sicher reduzierte Geschwindigkeit“ umsetzen.
Schulungen begleiten das Retrofit der Elektrohängebahn
Neben der technischen Modernisierung war die enge Zusammenarbeit zwischen Kögel und SEW-Eurodrive ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Schulungen für Bedien- und Instandhaltungspersonal begleiteten das Projekt von Beginn an. Das Retrofit zeigt, dass sich bestehende Elektrohängebahnen mit modularen Automatisierungskonzepten wirtschaftlich modernisieren lassen. So können Unternehmen die Verfügbarkeit ihrer Anlagen erhöhen, Stillstandszeiten reduzieren und die Lebensdauer bestehender Systeme verlängern.
Autoren
Paul Koch, Projektleiter bei SEW-Eurodrive
Thomas Madel, Projektmanager Retrofit bei SEW-Eurodrive